Weltfrauentag

Weltfrauentag

Dass es einen Weltfrauentag gibt, habe ich erst spät in meinem Leben mitbekommen.  Wie kann das sein?! Liegt es an meiner Genration? Als ich mich für meine Rechte einsetzen konnte, war vieles schon auf den Weg gebracht:  

● Das Frauenwahlrecht,  
● dass Frauen in der Ehe nicht mehr die Erlaubnis ihres Mannes brauchten, um arbeiten gehen zu dürfen,  
● der §218 war fast “Schnee von gestern” und der §175 ein Auslaufmodell.  

In meiner Familie war es selbstverständlich, dass alle gleichermaßen die täglichen Aufgaben erledigen mussten, die Schulwahl war unabhängig vom Geschlecht und auch die Hobbies konnten frei gewählt werden. Meine Mutter ging halbtags arbeiten und verwaltete die Kasse. 

Die Weltfrauendekade endete 1985 als ich 17 war. Also fiel mein politisches Erwachen in eine recht ruhige Zeit, wo vieles schon selbstverständlich war, was andere Frauen auch für mich in den Jahren davor hart erkämpft hatten.  

Und heute? Ich habe das Gefühl, dass es einen neuen Aufbruch braucht. Viele Rechte scheinen selbstverständlich zu sein; Doch erkenne ich einen Rückschritt, bzw. kein Fortschreiten der Frauenrechte, was besonders in dieser Pandemie zum Ausdruck kommt. Auch in Europa werden die Rechte der Frauen wieder eingeschränkt. Wir können zwar selbstbestimmt eine Arbeit aufnehmen, müssen aber sehen wie wir Haushalt, Kinder, Arbeit und eigene Bedürfnisse unter einen Hut bekommen. Die Politik hat durch den Lockdown entschieden, dass momentan die Frauen die Hauptlast tragen und sich aufreiben in dem Wunsch, allem am besten zu 100%, gerecht zu werden, mit der Gefahr, in die Rollenverteilung der 50er Jahre gedrängt zu werden.  Die männlich dominierte Arbeitswelt hält wenige Lösungen bereit. Da sollte man hoffen, dass die Frauenquote nun Veränderungen herbeiführt auch in Bezug auf die gender pay gap. Frauen können jetzt zwar unter Auflagen abtreiben, doch Gynäkolog:innen dürfen nicht sichtbar darauf aufmerksam machen, dass ein Eingriff in ihrer Praxis möglich ist. Und guckt man nach Polen, ist Abtreibung wieder strafbar. Und das sind nur die offensichtlichen Dinge, da haben wir noch nicht über Gewalt an Frauen gesprochen, besonders im Hinblick auf die Gerichtsverfahren und auch nicht über diskriminierenden Sprachgebrauch oder #metoo.  

Allerdings möchte ich nicht, dass wir Frauen uns zurücklehnen und darauf warten, dass das schon irgendwie geregelt wird. Wird es nicht. Wir müssen bei uns und unserem Umfeld anfangen zu ändern, was wir ändern können und stärken, was schon da ist, durch erzählen, aufmerksam machen, Vorbild sein, auf die Straße gehen, Angebote kreieren zur Stärkung des weiblichen Geschlechts. Warum?  

Weil es leider und auch immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Frauen ihr Leben selbstbestimmt gestalten und es nicht vorzeitig durch Gewalt beendet wird. Ich war erschüttert zu hören, dass in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau durch ihren Partner getötet wird – in Deutschland! Und das sind keine Ehrenmorde, auf die das gerne geschoben wird. Mord an Frauen in Deutschland zieht sich durch alle Schichten, Altersgruppen und Religionszugehörigkeiten.  

Weil wir Frauen nicht das schwache Geschlecht sind. Wir sind körperlich zwar nicht unbedingt so stark wie Männer, aber können eher Blut sehen als sie. Wer bringt die Kinder zur Welt, hält die sozialen Kontakte aufrecht, bräuchte 4 Schultern, um die täglichen Herausforderungen zu stemmen, wer kann innerhalb von Minuten seinen kompletten Tagesablauf über den Haufen schmeißen und wem liegt der Klima- und Umweltschutz am meisten am Herzen zur Erhaltung der Welt für die nächsten Generationen, für die Frauen in jeder Schwangerschaft ihr Leben einsetzen? 

Ohne Frauen geht es nicht. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, damit eine gute Geschichte erzählt werden kann. Kleine Dinge ergeben eine große Sache.  Welche Dinge sind es in Brilon, die schon da sind, die verbessert werden können, die fehlen, damit Frauen – mit ihren Familien – gerne hier wohnen, arbeiten und ihre Freizeit gestalten?   

Frauke Müthing